Von Wärme umgeben, sitze ich und beobachte, wie im kalten Sonnenschein der alte Zweig am Strauch langsam schwingt und im Spiel von Licht und Schatten mit einzelnen, den Winter ausharrenden Blättern, ein Lebendiges im Toten ausdrückt.
Ein Ruck durchfährt meinen Körper, der Zug scheint sich in Bewegung zu setzen. Völlig unvorbereitet muss ich diese Reise antreten und aus Unvorbereitetem, das lernte ich bereits, entsteht entweder Chaos oder Glück, Doch das Ergebnis ist einem niemals vorher bekannt. Also hoffe ich auf das Gute, ich freue mich auf das Glück, wie auch immer es mir gegen übertreten wird, denn, dass es zwingend chaotische Züge annehmen wird, um dann im Chaos zu verschmelzen, ist vorbestimmt.
Die Konturen der vorüber gleitenden Menschen auf dem Kleinstadtbahnhof werden bereits undeutlich und werden gleich schon aus meinen Augen und damit aus meiner Erinnerung entschwunden sein.
Soll ich mir dieses wirklich Gefallen lassen, mir das Menschsein und damit meine, schon zu Genüge ausgereizte Existenz, nehmen lassen. Nun sitze ich hier und fliehe, wie ich es immer schon tat. Meine erste große Flucht endete hier und nun fliehe ich erneut, da meine Flucht scheinbar noch nicht vorüber ist. Diesmal wird mich der Gegensatz empfangen. Eine Leere voller Menschen, die einem zu unbekannt sind um sie zu hassen. Die einem niemals bekannt genug werden, um sie zu lieben, denn sie meiden dich, so wie du sie.
Einen Ort der Behaglichkeit zu erwarten, erlaubte ich mir von vorn herein erst gar nicht, denn mir war klar, dass ein Zurücklassen von allem Vertrauten eine Leere in mir wachsen ließe. Diese Erfahrung hatte ich bereits gemacht, trotzdem glaube ich nicht, dass sie mir helfen könne. Die Leere fühlt sich bereits jetzt anders an, als beim ersten Mal. Sie zerrt an mir und lässt mich jede Hoffnung verlieren und das Gefühl des fahrenden Zuges stürzt mich immer tiefer in sie hinein.
Da vorne sehe ich schon die Anhöhe, auf der die Anstalt steht. Einen letzten Blick gewähre ich mir, denn es wird eine lange Zeit verstreichen müssen, bis ich an diesen Ort zurückkehre, um alte Sentimentalitäten wieder anzurühren.
Da kommt auch schon die Brücke, hinter der die letzten Ecken des großen Geländes aus meiner Sichtweite verschwinden. Wie oft bin ich diesen Weg schon gefahren, wie oft habe ich schon jeden Blick zurück ausgekostet, in der Hoffnung bald wieder zu kehren, aber nun ist es das letzte mal und Rührung durchstreift meinen Körper. Eine kleine Träne will ich mir unterdrücken, eine Träne voller Abschied und Trauer, aber auch angefüllt mit Enttäuschung und Wut. Ein Tropfen von mir, der die Schönheit der Vergangenheit mit der Angst der Zukunft verbindet, der mich für einen Moment still stehen lässt.
Ich wehre mich nicht, ich lasse alles heraus, jedes angestaute Gefühl der letzten Jahre nimmt sich seinen Platz in diesem Wehleid, in dieser schwebenden Phase, in der man nur war und wird. Jetzt schlagen sie alle bei mir ein, die letzten Bilder vom Abschied, die letzten hasserfüllten Blicke auf Kreaturen, denen ich niemals wieder begegnen möchte, das letzte gute Wort zu Menschen denen man niemals wieder begegnen wird, ein letzter Rundgang durch das mir ziemlich still vorkommende Gebäude, ein letzter Streifzug durch das Gelände, das eine Zeit lang so etwas wie Heimat für mich war. Nur eine trügerische zwar, aber doch ein Halt im Gewirr des Lebens.
Ist man das erste Mal dort, sieht man das natürlich anders, auch ich fühlte mich zu Beginn fremd und gehasst. Die Leere ließ mir keinen Gedanken zu, der positiv in die Zukunft schauen ließ. Alles war dunkel und schwarz, aber mit den Wochen verschwand dieses Gefühl und füllte sich mit Leben. Und dort wo man lebt ist Heimat. Dort wo man lebte war Heimat und wird es nie mehr wieder werden.
Die Suche geht von neuem los und wird wieder alle meine Energie verschlingen, so dass jeder andere Lebensbereich zurückstecken wird.
Die Abteiltür öffnet sich. Ein Schaffner kommt herein und möchte meine Fahrkarte sehen. Ob alles in Ordnung sei fragt er mich, dass ich nicht lache. Ich möchte ihn am liebsten Anbrüllen und ihm all meine Verbitterung entgegen schmeißen! Aber nur ein leichtes Nicken dringt nach außen und der Schaffner scheint für sich zu beschließen, dass er hier nichts ausrichten könne.
Mit erstaunen stelle ich beim Blick auf die Uhr fest, dass der Zug bereits eine halbe Stunde unterwegs ist und ich gleich umsteigen müsse.
Am Bahnhof angelangt stemme ich mich durch die Menschenflut, die scheinbar alle nur aus der Tür aussteigen, die auch ich zu benutzen versuchte. Geschafft mache ich mich auf den Weg zum Kiosk, um mir eine Lektüre zu besorgen; irgendetwas banales, das fähig ist mich ohne große Konzentrationsanstrengungen davon abzuhalten, meinen Gedanken weiter freien Lauf zu lassen wobei ich sonst wohlmöglich dabei ende, was mir als Schlimmstes zustoßen könnte, wenn alles den Bach hinunter geht. Das Kiosk war, denn wie soll es in meiner Lage auch anders sein, total überfüllt. Vor dem Regal des Segmentes Musik steht eine Horde von dunkelgekleideten Fünfzehnjährigen, mit langen Mähnen und bestaunt lauthals ein Cover eines inhaltfremden Metal-Magazins, wobei sie mir den Weg zu meiner Reiselektüre, absolut ignorant und wie nicht anders zu erwarten, versperren.
Die Kraft mich durchzusetzen ist mir momentan nicht gegeben, meine Stimme ist wie verschluckt, das heißt auf zu den Tageszeitungen, aber als ich die Überschriften lese wird mir klar, so banal darf die Lektüre doch auch nicht sein. Die schwarze Meute verzog sich nun von dem heiß ersehnten Regal und ich hatte freien Zugang zu meiner Geistesablenkung, aber nur noch vier Minuten Zeit. Also greife ich einfach nach der nächsten Gitarrenzeitung, die ich sehe und eile zur Kasse, vor mir die Metal-Blagen, die alle etwas kaufen wollen. Drei Minuten, ich muss mir was einfallen lassen, wenn mein Zug mir nicht vor der Nase wegfahren soll. Es ist falsch, aber mich bekommt bestimmt keiner. Ich lauf einfach zum Gleis, steige in den Zug und weg bin ich, also vollgas. Die Stimme des Kassierers entfernt sich ziemlich schnell, aber da hör ich auch schon eine zweite, die von vorne direkt auf mich zu kommt. Wo ist mein Gleis? Ich sehe es, weiß aber sofort, dass es in dieser Situation für mich unerreichbar ist. „STOP!“ Also laufe ich die Treppen zum nächsten rauf. Gleis 3, du sollst nun meine Rettung sein, wohin bringst du mich? Nirgendwohin, kein Zug steht dort, aber der Weg über die Schienen ist frei, da komme ich direkt bis zu meinem. Die gaffenden Leute stören mich nicht, mein Ziel vor meinen Augen und die Türen schließen schon. Der Schaffner ist ein kleines Stück weiter links, aber ich schaffe es noch aufzuspringen. Meine Fahrt ins Ungewisse geht weiter, denn bis der Sicherheitsdienst mich hier vermutet, bin ich weg.
Der Zug ist leer und ich kann mir meine benötigte Ruhe in einem Abteil nehmen und mich dort ausbreiten, Wie ich diese alten Züge liebe, bei denen man noch den Vorhang zum Gang schließen kann. In meinem Kokon aus beweglichem Metall beruhige ich mich wieder von der brenzligen Situation. War das gerade ein Ausblick auf meine Zukunft, eine Vorhersehung? Wird alles so weiter gehen wie bisher, oder darf ich irgendwann aufrecht stehen und sagen was ich denke, ohne dafür erniedrigt zu werden. Wie oft schon musste ich schweigen, wenn mir danach war zu schreien, wie oft habe ich zurückgesteckt, obwohl es mir zustand auszuteilen? Die wogende Bewegung des Zuges macht mich schläfrig, aber meine Poren widersetzen sich dem Schlaf, denn wenn nicht jetzt, wann habe ich dann die Zeit ein Resümee zu ziehen, ohne mich erneut in die Vergangenheit zu bewegen.
Sitze ich wirklich in dem richtigen Zug, ist es die richtige Richtung, die ich einschlage, oder ist es wieder ein Schritt zurück? Wird mich die Flucht nicht immer weiter bestimmen, wenn ich jetzt in dieses bürgerliche Grauen ziehe? Eine grausige Vorahnung baut sich vor mir auf, wie eine Schrecken bringende Monsterdarstellung einer urzeitlichen Angst. Erschrocken über dieses Bildnis fahre ich zusammen. Genau solche Dinge sind es, auf die man hören sollte, aber das hieße am nächste Bahnhof auszusteigen und dann mit der nächsten Möglichkeit davon zu fahren. Nur wäre auch das wieder eine Flucht vor meiner unausweichlichen Zukunft, also ist es wohl das vernünftigste, mich einfach der Angst zu stellen. Während ich mir ausmale, was mich wohl genau erwarten wird, drosselt der Zug sein Tempo und fährt im nächsten Bahnhof ein. Ein Blick hinaus verdeutlicht mir die Sinnlosigkeit meines Vorhabens, hier ein neues Ziel zu suchen. Es gibt zwei Gleise; auf dem einen steht mein Zug, auf dem anderen geht es zurück. Das sind nicht die tausend Wege, die ich mir bereits ausgemalt habe, also geht die Fahrt für mich hier wohl oder übel weiter.
Betrübt schließe ich die, von jeder modischen Beurteilung ausgenommenen Vorhänge wieder, lehne mich mit der Anfahrtsbewegung des Zuges in meinen Sitz zurück und schließe, neben dem Blick nach außen auch meine Augen.
Unwirklich erscheint das Dasein, wenn es sich als erlebtes Nichtsein offenbart.
Das mag sein, dass sich das Sein unwirklich zeigt, wenn man sich Zeit lässt, aber auch das kann vorteilhaft sein, wenn man ihm gut zuspricht.
schafft man es einmal durch die dunklen wogen des ungewissen zu gehen und nicht zurückzuschauen, so gelingt es wieder..
bald versiegt der nebel, es klart auf und man erhält eine antwort auf die ständige frage: warum?